- Monday, 26.10.26, 11:00 - 12:00 Uhr
Jenseits von Venture Capital: Wie Gründer in der Frühphase unkonventionell an Kapital kommen
Inhalt
Die Vorstellung, ein Startup einzig mit externem, teuren Risikokapital aufzubauen, hält sich hartnäckig. Schaut man sich angesichts der vielzitierten Aussage „Venture Capital ist nicht alles“ die Zahlen an, dann zeigt sich, dass mehr als 80 Prozent aller Startups ohne eine klassische Venture-Capital-Beteiligung starten, wie die Studien der Kauffman Foundation mehrmals belegen. Kapital ist also nicht das Problem, das Problem ist der richtige Weg es zu bekommen. Die gute Nachricht: Die Wege sind vielfältiger, als viele Gründer am Anfang annehmen.
Bootstrapping: Eigenkapital aus bestehenden Mitteln
Bootstrapping bezeichnet das Prinzip, ein Unternehmen ausschließlich aus eigenen finanziellen Mitteln aufzubauen, also ohne externe Kapitalgeber, ohne Verwässerung der Anteile und ohne Reportingpflichten gegenüber den Investoren. Das hört sich nach Verzicht an, ist aber in vielen Fällen eine bewusste Entscheidung.
Viele Gründer vergessen dabei: Eigenkapital muss nicht zwingend aus dem eigenen Girokonto kommen. Zahlreiche Gründer haben eventuell auch noch stille Reserven in einen Sachwert angelegt: Erbstücke, Schmuck oder Edelmetalle lassen sich kurzfristig und ohne große bürokratische Hürden liquidieren. Wer in Bayern zum Beispiel einen seriösen Goldankauf in München findet, kann ohne Kreditlinie, ohne Anteile abzugeben und ohne Wartezeit Goldbestände in liquide Mittel umwandeln. Gerade für die frühe Gründungsphase eine unterschätzte Möglichkeit.
Bootstrapping hat den strategischen Vorteil der vollen Kontrolle. Wer keine externen Geldgeber hat, trifft alle Entscheidungen nach eigenen Prioritäten. Der Nachteil liegt aber auf der Hand: Das Wachstumstempo ist unmittelbar an die eigenen Mittel gebunden und wird bei kapitalintensiven Geschäftsmodellen schnell zur Bremse.
Revenue-Based Financing und Crowdfunding als strukturierte Alternativen
Zwei belastbare Alternativen zu klassischen Beteiligungen haben sich in den letzten Jahren herausgebildet: Revenue-Based Financing und Crowdfunding.
Beim Revenue-Based Financing erhält der Gründer Kapital gegen einen prozentualen Anteil an zukünftigen Einnahmen. Die Rückzahlung erfolgt flexibel, abhängig vom tatsächlich erzielten Umsatz – ohne Tilgungsplan und ohne Zinsen wie in der klassischen Bankfinanzierung. Anbieter wie Capchase oder Clearco haben dieses Modell insbesondere für SaaS- und E-Commerce Unternehmen populär gemacht. Übliche Finanzierungsbeträge liegen hier zwischen 10.000 und 5 Millionen Euro und orientieren sich am Umsatz der letzten sechs bis zwölf Monate. Das Modell eignet sich insbesondere dann, wenn ein Unternehmen zwar schon Umsätze erzielt, aber keine externen Investoren hereinlassen möchte.
Crowdfunding ist da eine ganz andere Baustelle. Über Plattformen wie Kickstarter, Startnext oder Seedrs werfen Gründer Geld direkt aus ihrer Community ab, entweder rewards-basiert als Vorverkauf eines Produktes, oder equity-basiert gegen Anteile am Unternehmen. In Deutschland gilt im Crowdinvesting bis zu einer Obergrenze von 6 Millionen Euro pro Jahr die Ausnahme von der Prospektpflicht, was den administrativen Aufwand erheblich verringert. Crowdfunding hat darüber hinaus eine oft unterschätzte Nebenwirkung: Eine erfolgreiche Kampagne gilt in der Investoren-Community als valides Signal für die Markttauglichkeit eines Produktes und kann die nachfolgende Beschaffung von Finanzmitteln wesentlich erleichtern.
Öffentliche Förderprogramme: Strukturiertes Kapital ohne Anteilsvergaben
Deutschland hat eines der dichtesten Fördernetzwerke für Gründer in der ganzen Welt. In der Praxis wird es aber nur ungenügend ausgeschöpft.
Das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz richtet sich an in Hochschulen und Forschungseinrichtungen gebildete Gründerteams und finanziert bis zu zwölf Monate lang Lebenshaltungskosten, Sachausgaben bis 30 000 Euro und Coaching-Leistungen, ohne dass Gesellschaftsanteile abgegeben werden müssen. Voraussetzung ist die Einwerbung über eine Hochschule als antragstellende Institution.
Die KfW-Bank gewährt mit dem ERP-Gründerkredit-StartGeld Darlehen bis 125 000 Euro, wobei die KfW 80 % des Ausfallrisikos übernimmt. Dies senkt die Hürden für Hausbanken erheblich, die sonst häufig bei Frühphasen-Unternehmen ohne Sicherheiten ablehnen.
Stille Beteiligungen sind ein weiteres oft verkanntes Instrument. Dabei bringen Kapitalgeber ihr Geld in das Unternehmen ein, erscheinen aber nicht im Handelsregister und erhalten keine Stimmrechte. Für Gründer, die unternehmerische Kontrolle vorziehen, aber trotzdem Geld von außen benötigen, ist dies eine gute Mischform zwischen Eigenfinanzierung und klassischer Beteiligung.
Business Angels und Netzwerkkapital
Business Angels unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den Venture-Capital-Fonds: Sie investieren sehr früh, oft bevor ein marktfähiges Produkt oder ein nachweisbares Wachstum existiert. Laut Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND) soll es in Deutschland zwischen 8.000 und 10.000 aktive Angels geben. Die durchschnittlich investierte Summe liegt zwischen 25.000 und 250.000 Euro, oft verbunden mit operativer Mithilfe.
Was Angels neben Kapital mitbringen, ist oft viel wichtiger als die Höhe der Investition: Netzwerk, Branchenerfahrung und Zugänge zu späteren Finanzierungsrunden. Wer Angels nur als Geldgeber betrachtet, verschenkt den wesentlichen Teil des Mehrwerts.
Neuerdings spricht man in diesem Zusammenhang auch von Netzwerkkapital, also Zugang zu Ressourcen über Beziehungen statt über finanzielle Mittel. Kostenloser Serverzugang, Co-Working-Infrastruktur, Mentoring, Pilotprojekte mit Großunternehmen, all das kann man über Acceleratoren und Startup-Hubs problemlos aktivieren, ohne auch nur einen Euro zu transferieren.
Welchen Finanzierungsweg der richtige ist, hängt letztendlich vom jeweiligen Geschäftsmodell, der Geschwindigkeit, mit der der Gründer wachsen will, und von den persönlichen Prioritäten ab. Wer schnell wachsen will, wird in der Regel um externes Kapital nicht herumkommen, wer Kontrolle und Gewinnung der Profitabilität zuerst will, ist mit Bootstrapping und etwas öffentlichen Mitteln oft besser bedient. Beide Wege sind richtig, beide führen irgendwohin, aber nicht in die gleiche Richtung und nicht für die gleichen Unternehmen.
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